Er war Rennfahrer in einer Zeit, in der Überleben keine Selbstverständlichkeit war. Hans Herrmann gewann Le Mans – und trotze dem Tod immer wieder. Jetzt ist er friedlich eingeschlafen. Ein Nachruf.
Er war einer der letzten großen Abenteurer des Motorsports: Hans Herrmann ist im Alter von 97 Jahren gestorben. Der Stuttgarter fuhr Formel 1, gewann Le Mans – und überlebte eine Epoche, in der Rennfahren oft ein Spiel mit dem Tod war. Sein größter Sieg war am Ende vielleicht genau das: dass er leben durfte.
Hans Herrmann gehörte zu jener Generation von Rennfahrern, die Motorsport noch als Grenzerfahrung erlebten. In den 1950er- und 1960er-Jahren bedeuteten Grand-Prix-Rennen und Langstreckenklassiker Nervenkitzel pur – mit offenem Ausgang. Viele seiner Weggefährten bezahlten diese Zeit mit dem Leben. Herrmann nicht. Deshalb nannten sie ihn bald „Hans im Glück“.
Hans Herrmann und sein Unfall auf der AVUS
Denn es fehlte nicht an dramatischen Momenten. 1955 verunglückte Herrmann im Training in Monaco schwer. 1959 folgte der wohl spektakulärste Crash seiner Karriere: Auf der Berliner AVUS versagten bei über 250 km/h die Bremsen, der Wagen hob ab, überschlug sich – Herrmann wurde aus dem Auto geschleudert. Wie durch ein Wunder blieb er nahezu unverletzt. Wieder einmal.
In einem Interview mit F1-Insider berichtete er erst vor wenigen Jahren: „Einen Tag zuvor war mein enger Freund Jean Behra tödlich verunglückt. Dann hatte ich plötzlich Bremsversagen. Ich hätte in die Kurve einlenken können, aber dann wäre ich mitten in die Zuschauer geflogen. Also entschloss ich mich innerhalb von den Sekundenbruchteilen geradeaus auf die Strohballen zu fahren, flog dadurch aber durch die Luft. Die Zeit kam mir extrem lang vor. So lang, dass ich noch denken konnte: ,So ein Mist. Jetzt stirbst du hier in Berlin in der Stadt, wo es so viele hübsche Mädchen gibt.‘ Als ich nach 70 Metern Flug am Boden lag, hatte ich Angst aufzustehen, weil ich dachte, dass ich mir alle Knochen gebrochen habe. Das war aber nicht der Fall. Ich hatte lediglich Schürfwunden.“ Seine Generation tickte anders.

Formel 1, Sportwagen – und große Namen
Zwischen 1953 und 1968 bestritt Herrmann 18 Formel-1-Rennen, fuhr unter anderem für Mercedes, Porsche, Maserati, Cooper und BRM. Ein Podestplatz blieb sein bestes Ergebnis in der Königsklasse, doch Herrmann war mittendrin im exklusivsten Klub der damaligen Stars: Fangio, Moss, Surtees – sie alle kannte er persönlich, war im Silberpfeil Teamkollege vom fünfmaligen Champion aus Argentinien. „Fangio war für mich DER Rennfahrer“, erzählte er im Interview mit F1-Insider. „Nicht nur fahrerisch, auch menschlich. Er
war bodenständig, zurückhaltend und bescheiden, ein richtig sympathischer Kerl, der sich nie in den Vordergrund gedrängt hat und extrem hilfsbereit war. Er hat mir viele Kniffe und Tricks beigebracht. Für mich ist er der Größte.“
Herrmanns wahre Bühne war die Langstrecke. Mit Porsche wurde er zu einer festen Größe bei den großen Klassikern. Legendär seine Auftritte bei der Mille Miglia, der Carrera Panamericana – und natürlich in Le Mans.
Triumph in Le Mans – und der perfekte Abschied
1969 verpasste Herrmann den Le-Mans-Sieg um wenige Meter. Eigentlich wollte er danach aufhören, hatte es seiner Frau versprochen. Doch so konnte er nicht gehen. Also kam es 1970 zum letzten Anlauf – bei strömendem Regen, unter brutalsten Bedingungen. Nur sieben Autos erreichten das Ziel. Eines davon: der Porsche von Hans Herrmann und Richard Atwood. Gesamtsieg. Der erste Le-Mans-Triumph für Porsche – und der perfekte Schlusspunkt für Herrmann.
Mit 42 Jahren stieg er aus dem Rennsport aus. Endgültig.
Mehr als nur ein Rennfahrer
Nach seiner aktiven Karriere blieb Herrmann dem Motorsport verbunden, förderte Talente, war ein gefragter Zeitzeuge – und eine Respektsperson. Später machte er noch einmal Schlagzeilen, als er 1991 entführt und nach Zahlung eines Lösegelds freigelassen wurde. Auch dieses Kapitel überstand er.
Genau wie eine Operation im Alter von 80 Jahren, als er eine neue Hüfte bekam. „Sonst stecken keine Ersatzteile in mir“, pflegte er zu sagen. Als er sich nach einer Demonstrationsfahrt auf einer Etappe der Mille Miglia mit unserer Autorin Bianca Garloff als Beifahrerin mit schmerzverzerrtem Gesicht ans Bein griff, beschwerte er sich nur: „Ich musste zu viel bremsen.“
Die Bremse gezogen hat er nun auch. In der Nacht auf den 9. Januar ist er friedlich eingeschlafen. Hans Herrmann hat alles erlebt, was der Motorsport zu bieten hatte: Ruhm, Gefahr, Tragödien – und am Ende Glück.
Danke, Hans im Glück.
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