Formel 1

Marko mit emotionaler Erinnerung: „Vettel war nicht zu trösten“

Sebastian Vettel, GP Brasilien 2009, Credit: Red Bull Content Pool
Sebastian Vettel, GP Brasilien 2009, Credit: Red Bull Content Pool
Bianca Garloff
Bianca Garloff

Sebastian Vettel war für Red Bull mehr als nur ein Talent. Helmut Marko erinnert sich an einen Moment, der Vettels Ehrgeiz wie unter einem Brennglas zeigte – und ihn untröstlich zurückließ.

Er war der nächste deutsche Formel-1-Weltmeister nach Michael Schumacher – und er war Red Bulls erster Champion: Sebastian Vettel. Der Heppenheimer fiel schon früh durch seinen Ehrgeiz auf, auch dem ehemaligen Red Bull-Chefberater Helmut Marko. Besonders ein Moment aus dem Jahr 2009 hat sich beim Österreicher eingebrannt… 

Marko erinnert sich an Vettels Red Bull-Anfänge

Vettels Weg zu Red Bull begann früh. „Vettel war einer unserer ersten – wenn nicht der erste – im Red Bull Junior Team“, berichtet Marko im Gespräch mit F1-Insider.com. Schon dort habe sich gezeigt, wie extrem der Ehrgeiz des Heppenheimers war. „Er hat in der Formel BMW 18 von 20 Rennen gewonnen – und war unglücklich, dass er die anderen zwei Rennen nicht gewonnen hat. Da sah ich: Der hat den richtigen Spirit.“

Vettel und Heidfeld bei BMW Sauber, Credit: Hersteller
Vettel und Heidfeld bei BMW Sauber, Credit: Hersteller

Ganz einfach war es allerdings nicht, den jungen Hessen mit der Zahnspange an Red Bull zu binden. „Die Verpflichtung war nicht einfach, weil Vater Vettel diverse Verträge unterschrieben hatte“, verrät Marko. „Bis das aussortiert war, war es mühsam.“ Danach ging es schnell: „Formel 3, Formel Renault 3,5, dazwischen ein BMW-Gastspiel – auch mit Vertragsgerangel zwischen Red Bull und BMW. Nachdem Sauber nicht so interessiert war an ihm, schlugen wir zu.“

Monza 2008: „Wer ist dieser Vettel?“

Der Durchbruch kam 2008 mit Toro Rosso. In Monza gewann Vettel im Regen – sensationell und aus dem Stand. Marko erinnert sich: „Der erste Sieg in Monza war grandios. Unser Ingenieur Giorgio Ascanelli – der hatte bei McLaren schon mit Senna gearbeitet – las den Wetterbericht richtig und setzte voll auf ein Regen-Setup.“

Am Rennsonntag sei die Überraschung groß gewesen. „Und plötzlich hieß es: Wer ist dieser Vettel? Wir wussten es, aber für viele kam das aus dem Nichts.“ Dass ausgerechnet Toro Rosso vor dem großen Team gewann, hatte eine besondere Note: „Dass Toro Rosso unser erstes Rennen gewinnt, war natürlich eine gewisse Watsch’n für Red Bull Racing.“ Allerdings schränkt Marko ein: „Toro Rosso hatte den Ferrari-Motor, der war damals deutlich besser.“

GEPA pictures/Red Bull Content Pool // SI200809150072 // Usage for editorial use only //

2009: Titelchance weg – Vettel bricht ein

Nach dem Wechsel zu Red Bull Racing kämpfte Vettel 2009 gegen Jenson Button im BrawnGP erstmals um die Weltmeisterschaft. Doch das Team machte Fehler. Marko: „2009 war unser Auto in der zweiten Saisonhälfte vielleicht das schnellste, aber das Team war noch nicht WM-reif. Wir machten Strategiefehler, schätzten Entwicklungen falsch ein.“

Der emotionale Tiefpunkt folgte in Brasilien. Der damalige Red Bull-Chefberater schildert die Szene eindringlich: „Als in Brasilien feststand, dass Vettel die WM nicht gewinnt, war er komplett fertig. Er saß eine halbe Stunde mit dem Kopf in den Knien – nicht zu trösten.“ Für den Grazer ist das bis heute bezeichnend: „Das zeigt Ehrgeiz und Selbstbewusstsein.“

Rivalität, Drama und Titel

Nur ein Jahr später wandelte Vettel den Frust in Erfolg um. „2010 war sportlich hochinteressant“, betont Marko. „Webber führte zeitweise die WM an, Vettel hatte mehr technische Defekte. Es entwickelte sich eine starke Rivalität. Nicht Feindschaft – aber es gab zwei Lager im Team.“

Vor dem Finale in Abu Dhabi spitzte sich alles zu. „Alonso führte vor Webber und Sebastian. Bei Webber brachen die Reifen früher ein. Ferrari schaute logischerweise auf ihn – und plötzlich war Vettel vorne.“ Der Lohn: der erste WM-Titel, entschieden im letzten Rennen.

Sebastian Vettel 2010 in Abu Dhabi Credit: Red Bull Content Pool
Sebastian Vettel 2010 in Abu Dhabi Credit: Red Bull Content Pool

Auch 2012 wurde es dramatisch. „Wieder Alonso, wieder das letzte Rennen“, rekapituliert Marko. „Bruno Senna drehte Vettel in der ersten Runde um, dann ging es durchs Feld. Man sah, wer ihm wohlgesonnen war – die fuhren richtig zur Seite, unter anderem auch Michael Schumacher im Mercedes.“

„Das bemerkenswerteste Jahr war 2013“

2013 schließlich zeigte einen Sebastian Vettel auf dem Höhepunkt seines Könnens: „Nach der Sommerpause legte Sebastian eine unglaubliche Serie hin, die seine mentale Stärke deutlich zeigte.“

Die Bilder von 2009 hat der Ex-Red-Bull-Boss dennoch nie vergessen. Vettel, der nicht verlieren konnte, weil er zu sehr gewinnen wollte. Untröstlich – und genau deshalb außergewöhnlich.

FOLGT UNS AUF YOUTUBE!
DAS IST F1-Insider.com!


Autor

Bianca Garloff
Bianca Garloff

Mit einem Speedway-Stadion vor der Haustür aufgewachsen, Politik, Publizistik und Geschichte studiert, Michael Schumacher zugejubelt; mit dieser Kombination landet sie 2004 bei AUTO BILD. Volontariat auf der Springer-Journalistenschule. Als Redakteurin für AUTO BILD und SPORT BILD erst Schumi, dann Vettel und Rosberg auf den Fersen. Seit 2016 ist sie Redaktionsleiterin von AUTO BILD MOTORSPORT. 2020 wird sie zum Teil von F1-Insider.com, schreibt auch für SPORT1 und das Redaktionsnetzwerk Deutschland. Twitter: @bgarloff


Verwandte Artikel