Ralf Schumacher über die F1-Revolution 2026: Warum Audi profitiert, wer Fahrer-Vorteile hat, neue Grauzonen drohen – und was er Mick in der IndyCar zutraut.
Teil II des großen Silvester-Interviews mit Ralf Schumacher. Der frühere Formel-1-Pilot blickt voraus auf die große Regelrevolution 2026 mit fast 50 Prozent Elektroanteil und erklärt, warum das neue Reglement ausgerechnet Audi in die Karten spielen könnte, welche Fahrer davon besonders profitieren und wo er neue Grauzonen vermutet. Außerdem spricht er über Aston Martin, Fernando Alonso, die Geduldsfrage bei Audi – und über die Zukunft seines Neffen Mick Schumacher, der 2026 in der IndyCar-Serie startet.
Ralf Schumacher, verabschieden wir uns thematisch von der alten Saison, der alten Ära und widmen uns den neuen Autos in 2026 mit fast 50 Prozent Elektroanteil. Was erwarten Sie?
Man muss ehrlich sagen: Dieses Reglement ist im Prinzip für einen gemacht worden – und zwar für Audi. So wie ich das gehört habe, steht jetzt schon fest, dass spätestens Ende 2029 der V8 zurückkommt – als reiner Verbrenner mit synthetischen Kraftstoffen. Das macht am meisten Sinn: leichter, Sound zurück, unkomplizierter, pures Racing. Jetzt ist es so komplex geworden, das zu erklären wird ein Thema: für uns Experten, für die Zuschauer und auch für die Formel 1 mit den Einblendungen.
Zählt der Fahrer wieder mehr?
Natürlich ist das ein ganz anderes Fahren. Das gibt jenen Piloten Vorteile, die sich im Simulator damit beschäftigen – wie Verstappen oder die junge Generation. Wenn du offen dafür bist, kannst du dir da einen Vorteil erarbeiten. Für ältere Fahrer, die das nicht so gewohnt sind, kann das ein Thema werden.
Was sagen Sie zu den Gerüchten, dass Mercedes und Ford beziehungsweise Red Bull Powertrains ein Schlupfloch gefunden haben sollen – im Verbrennerbereich, beim Verdichtungsverhältnis?
Wundern würde mich das nicht. Die Grauzone zu finden ist immer Teil des Spiels. Spannend wird auch die Aerodynamik – da kommt sicher jemand mit einer verrückten Idee.
Ralf Schumacher rechnet mit Aston Martin – und sogar Alonso
Zum Beispiel Adrian Newey als neuer Teamchef von Aston Martin?
Erstmal: Ich glaube nicht, dass er ewig Teamchef bleibt. Ich kann mir vorstellen, dass seine neue Rolle damit zu tun hat, dass noch jemand fehlt, der im Team noch nicht arbeiten darf. Aber für den Anfang ist es eine gute Geschichte, ihn in Personalunion auch den Teamchef machen zu lassen. Gerade am Anfang wird viel passieren – und er ist unglaublich darin, an der Rennstrecke die Zusammenhänge zu verstehen und vor allem die Autos der anderen zu lesen.
Kann Fernando Alonso so vielleicht sogar noch mal um den WM-Titel kämpfen?
Warum nicht? Ich finde, er fährt noch mit dem Auto. Bei Lewis hat man manchmal das Gefühl, das Auto fährt mit ihm. Fernando wirkt relaxed, auch wenn er aus dem Rennwagen steigt. Erfahrung hilft auch, und Fernando hat sie. Er ist super motiviert. Und man sieht ihm seine 44 Jahre nicht an – er hat ja nicht mal graue Haare (lacht). Ich gönne es ihm.

Und was erwarten Sie von Neueinsteiger Audi?
Ich finde, sie sind dieses Jahr mit Sauber schon deutlich stärker geworden. Man hat es geschafft aufzuräumen. Mit Mattia Binotto und Jonathan Wheatley hat man einiges geändert, alte Systeme aufgebrochen – das war wichtig. Trotzdem: Ich halte es für realistisch, dass es noch zwei, drei Jahre dauert mit dem Erfolg.
Schumachers Rat an Audi
Hat der Vorstand die entsprechende Geduld?
Ich hoffe. Die Automobilwirtschaft ist gerade schwierig genug. Formel 1 ist ein anderes System: Es lebt davon, die richtigen Leute in den richtigen Positionen zu haben – über Jahre – und sie arbeiten zu lassen. Das war bei Red Bull so, bei Ferrari mit Michael, bei Mercedes in der erfolgreichen Phase. Vorstände wechseln häufiger – das ist ein Problem. Toyota hat das viel Geld gekostet und wenig Erfolg gebracht. Ich hoffe, dass man bei Audi bzw. VW versteht: Das sind unsere Leute, die lassen wir machen. Alles andere wäre unrealistisch
Viele rechnen damit, dass Mercedes wieder den besten Antrieb baut. Ist George Russell bereit für einen WM-Titel – und wie weit ist Kimi Antonelli?
George Russell hat es 2025 lange mit einer Situation zu tun gehabt, in der sein Chef ihm im Prinzip sagt: Ich warte, ob ich Max Verstappen bekomme – und wenn nicht, nehme ich dich. Das ist für einen Fahrer echt hart. In dieser Situation hat Russell einen tollen Job gemacht. Aber: Kimi Antonelli hat dann Fahrt aufgenommen. Wenn Kimi mit dem neuen Konzept zurechtkommt, so weitermacht und sich nächstes Jahr nicht zu sehr unter Druck setzt, kann er George das Leben sehr schwer machen.
Wie wäre der junge Ralf Schumacher als Fahrer mit dem Experten Ralf Schumacher umgegangen?
Wär ich ihm auf die E… gegangen? Ja! Ich hatte auch so ein Love-and-Hate-Verhältnis mit Niki Lauda. Der war immer recht rigoros. Aber dann saß ich abends im Flieger mit ihm und habe gesagt: „Hey, du Depp, was soll das denn?“ Und er: „Wie, Du Depp?! Fahr doch anständig!“ – so wie Niki halt war. Bei mir ist es ein bisschen anders. Timo (Glock; d. Red.) ist zum Beispiel näher an den Fahrern dran, das merkt man. Um mich machen die eher einen Bogen – bis auf ein paar wie Charles Leclerc –, weil sie wissen, wie ich Dinge benenne und beurteile. Aber das gehört dazu, das ist mein Job. Ich bin nicht unfair.
Verlassen wir zum Ende kurz noch die Formel 1: Ihr Neffe Mick fährt 2026 Indycar. Haben Sie sich schon daran gewöhnt, dass er im Oval fahren wird?
Ich muss klarstellen: IndyCar an sich ist ja nicht schlecht. Ich kann mir vorstellen, dass die Rundstreckenrennen Spaß machen und eine Herausforderung sind. Nico Hülkenberg hat es auch mal probiert und danach gesagt: „Puh, das ist nicht ohne – nichts für mich.“ Die Ovale halte ich nach wie vor für gefährlich. Da muss man kein Raketenwissenschaftler sein: Wenn bei 360 km/h Schnitt und Vollgas durch Kurven was schiefgeht; die Mauer gibt nicht nach. Vielleicht bin ich da sensibler, weil ich es leidvoll am eigenen Leib erfahren habe. Aber ich verstehe Mick: Er sucht die sportliche Herausforderung, er mag Amerika. Und das große Ziel Formel 1 hat nicht geklappt – das war nicht nur seine Schuld. Das Team ist nicht professionell mit ihm umgegangen. Vielleicht ist es unter diesen Voraussetzungen gut, wenn er die F1 abhakt und sich in der Indycar neu ausprobiert. Ich wünsche ihm jedenfalls viel Erfolg.
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